11. Mai 2016

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Wenn der Mensch sich weiter so entwickelt – das kann einfach nicht gut gehen! – Schauspiellegende Günter Lamprecht im Interview

Am 8. Mai jährt sich das Kriegsende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Zeitzeugen gibt es nur noch weniger – einer davon ist Schauspiellegende Günter Lamprecht (u.a. „Das Boot“, „Berlin Alexanderplatz“). Der mittlerweile 86-Jährige berichtet in seiner Biographie „Und wehmütig bin ich immer noch“ über seine Kriegserlebnisse. Im Interview hat er uns tiefe Einblicke in seine Lebensgeschichte gegeben, uns von den Schreckenserlebnissen während des Krieges berichtet und seine Meinung zur deutschen Außenpolitik dargelegt. Dass der Schauspieler viel erlebt hat, bestätigen spätestens seine Ausführungen zum Amoklauf in Bad Reichenhall, bei dem er und seine Lebensgefährtin schwer verletzt wurden. 

Wir haben den sympathischen Schauspieler Günter Lamprecht in den Bavaria Filmstudios zum Interview getroffen und sind begeistert: der bekannte Schauspieler hat viel zu erzählen, lacht herzlich und spricht ganz offen, auch über emotionale und traumatische Erlebnisse in seinem Leben.  Am 8. Mai wird er im Mathäser Kino in München anlässlich des 70. Jahrestages des Kriegsendes eine exklusive Vorlesung aus seiner Biographie „Und wehmütig bin ich immer noch“ geben. Nach der Vorlesung wird er sich noch genug Zeit nehmen, um Fragen zu beantworten und seine Bücher zu signieren. Eine Möglichkeit, die man keinesfalls verpassen sollte!
Mit uns hat er über sein Leben gesprochen. Wir haben von den Kriegserlebnissen in seiner Jugend erfahren; außerdem hat er uns berichtet, wie sehr ihn das Aufschreiben seines Lebens emotional mitgenommen hat. Was er als Opfer des Amoklaufs in Bad Reichenhall erlebt hat und warum er in der Talkshow von Sandra Maischberger beinahe die Kontrolle verloren hätte, erfahrt Ihr im exklusiven Interview für magazine4:

magazine4: Sie haben eine Autobiographie geschrieben und machen jetzt auch Lesungen. Warum muss man unbedingt kommen und sollte Ihre Lesungen auf keinen Fall verpassen?

Günter Lamprecht: Oh weia (lacht). Naja, es geht um einen Jahrestag – der Zweite Weltkrieg ist nun 70 Jahre vorbei. Es geht um das Nicht-Vergessen. Mit meinen 86 Jahren werde ich sozusagen als Zeitzeuge gebraucht, und ich halte es für sehr wichtig, die Geschichte – in diesem Fall halt meine Erlebnisgeschichte, als ich 15 Jahre alt war – zu beleuchten. Es war Kriegsende in Berlin, und wir sollten die Stadt weiter verteidigen – ob wir wollten oder nicht; das war hochdramatisch und gravierend. Viele meiner Kumpels damals sind nicht mehr nach Hause gekommen; die sind nach Russland abtransportiert worden und dort umgekommen; und viele sind schwer verletzt wiedergekommen. Ich hatte Glück, dass ich da wenigstens so rausgekommen bin. Aber seelisch war ich doch sehr gebrochen, denn ich war bei einem Hauptverbandsplatz, d.h. ich war als Hilfssanitäter zugeteilt. Wir haben fast jeden Tag 30 Soldaten beerdigt. Ich bin also mit dem Tod sehr stark konfrontiert worden. Was ich dabei gelernt und mitgenommen habe, war, dass ich Pazifist wurde – absolut und überzeugt. Ich will nie wieder Krieg! Wenn ich heute sehe, was da im Moment in der Welt abläuft, dann wird mir Angst und Bange – um die Zukunft und darum, wie das alles überhaupt weitergehen soll …
Naja, das alles haben wir also nun in meinem Buch beschrieben. Mit der Erkenntnis, dass alles, was man machen kann, Folgendes ist: sich für Frieden einzusetzen. Und das ist in meinem Buch, glaube ich, ziemlich gut gelungen – ohne eitel zu sein! Ich finde es ganz gut, die Dinge, die damals passiert sind, jetzt wieder zu verbreiten.

magazine4: Ist das Schreiben einer Autobiographie Teil eines Aufarbeitungsprozesses? Und vielleicht auch die Möglichkeit, sich an vieles zu erinnern, das beinahe in Vergessenheit geraten wäre?

Günter Lamprecht: Ja, das ist so. Ich wollte erst gar nicht ran. Ich lebe im Kölner Raum, und dort gibt es den Verlag Kiepenheuer & Witsch. Mit dem Chef von dort bin ich gut befreundet (..) und er meinte zu mir: „Günter, Du musst das unbedingt alles aufschreiben“. Ich habe gesagt: „Lass mich in Ruhe, ich werde das nicht schaffen“. Irgendwann hat er mich aber dann – wirklich nett – gezwungen und gemeint: „Jetzt setz Dich hin und fange an zu schreiben!“ Ich habe dann tatsächlich angefangen, zu schreiben – und kam aus dem Heulen nicht mehr heraus. Ich habe bei bestimmten Stellen permanent angefangen zu weinen. Aber ich habe es aufgearbeitet; und ich habe wirklich versucht, alles so wahr wie möglich auf Papier zu bringen.

magazine4: Das wäre jetzt auch eine meiner Fragen gewesen: wie wahrheitsgetreu geht man mit seiner eigenen Geschichte um? Gibt es Dinge, über die man einfach nicht reden möchte? Oder hat man den Anspruch – wenn man schon eine Biographie schreibt – auch wirklich alles wahrheitsgemäß raus zu lassen?

Günter Lamprecht: Das habe ich schon. Ich habe da keine Rücksicht genommen. Ich bin natürlich auf manche Details nicht so stark eingegangen, wie sich manche das gewünscht hätten. Da gibt es beispielsweise eine Stelle: während des Bombardements in Berlin hatte ich etwas mit einer Krankenschwester – diese Geschichte wird dann gerne rausgepiekt. Aber diese Begebenheit ist einfach aus einer Angst heraus entstanden; es entstehen ja große Ängste in einem, wenn man den ganzen Tag mit Leichen zu tun hat und die Bomben fliegen … da findet man plötzlich zusammen. So etwas wollen viele Leute dann am liebsten ganz ausführlich hören. Die wollen dann wissen: wer hat mir wem, wie habt ihr denn…?! Ich sage da nur: Mensch, ich war 15!!!

magazine4: Wie geht man beim Schreiben einer Biographie denn mit Ereignissen im Leben um, von denen man weiß: Da hab ich einen Fehler gemacht, oder da stehe ich jetzt gar nicht gut da, wenn ich das erzähle. Überlegt man sich das dann besonders genau? Schönt man die Geschichte? Oder sagt man: das muss auch rein, das gehört dazu!?

Günter Lamprecht: Ich denke, solche Überlegungen hätte man wohl, wenn man in der Mitte seines Lebens steht – wenn man aber so alt ist wie ich, dann nimmt man diesbezüglich keine Rücksicht mehr … also ich jedenfalls  nicht. Bei mir ist die Wahrheit auf dem Tisch; genau so war es. In meinem Alter musst du ja auch nicht mehr taktieren. Du kannst die Dinge einfach benennen, wie sie waren.

magazine4: Sie haben ja erwähnt, dass die Öffentlichkeit natürlich an solchen Erzählungen sehr interessiert ist. Nutzt man diese Öffentlichkeit, um mit dem Sprachrohr einer Biographie auch mal richtig schimpfen, anklagen und der Wut ein Ventil geben zu können?

Günter Lamprecht: Ja, natürlich kann man das dafür benutzen. Im Hinterkopf hatte ich immer den Gedanken: hoffentlich lesen das recht viele Leute und nehmen sich das zu Herzen und sehen, was da passiert ist – so dass man Derartiges nie wieder zulassen wird.

magazine4: Von welcher Wehmut sprechen Sie in Ihrem Buch?

Günter Lamprecht: Also, wenn ich nach Hause nach Berlin fahre – etwa zwei oder drei Mal im Jahr – dann ist tatsächlich Wehmut angesagt. Das drückt sich so aus: wenn ich frei habe, dann besuche ich all die Orte und Stätten, an denen ich am meisten gelitten habe.

magazine4: Tatsächlich?

Günter Lamprecht: Ja, ich fahre da hin und erlebe das Geschehene nochmal. Und es wird immer leichter und schöner.

magazine4: Es ist also auch Teil des Aufarbeitungsprozesses. Es klingt ja erstmal danach, sich quasi selbst zu „quälen“.

Günter Lamprecht: Es ist kein quälen. Ich fange sogar schon an, es zu genießen. Diese Wehmut ist einfach so groß. Dann sage ich mir: Mensch, ist das schön – es ist alles vorbei! Es steht wieder alles! Die Trümmer sind weg! Du bist zwar älter geworden, aber es ist auch irgendwie schön. Dann fallen mir in solchen Situationen auch wieder andere Begebenheiten aus meiner Kindheit und Jugend ein, die noch vor dem Krieg passiert sind … das ist meine Wehmut, die ich dann durchlebe.

magazine4: Hat man als Kind oder Jugendlicher – ein Alter, in dem auch Sie den Krieg erlebt haben – eine andere Art, mit solch schwerwiegenden Ereignissen umzugehen? Stecken junge Menschen Kriegserlebnisse besser weg als ältere Menschen?

Günter Lamprecht: Gott sei Dank haben wir ja derartige Erlebnisse bisher nicht mehr gehabt – wir können uns da wirklich glücklich schätzen. Manchmal zittere ich darum, dass das alles hoffentlich nicht bald wieder losgeht. Schon allein, was im Bereich der Ukraine geschieht – das ist alles wirklich so gefährlich…
Aber das hat die Frage jetzt nicht wirklich beantwortet. Ich denke nicht, dass junge Menschen es leichter haben, so etwas zu verarbeiten.

magazine4: Wie Sie es gerade gesagt haben: das Thema Krieg ist ja nach wie vor mehr als aktuell – auch Deutschland ist wieder mal fleißig beteiligt; von Rammstein aus werden z.B. die amerikanischen Drohnen gesteuert. Was halten Sie von der deutschen Politik und davon, dass Deutschland involviert ist? Macht Ihnen das Angst?

Günter Lamprecht: Ja! Im Grunde genommen steht uns etwas ins Haus. Ich habe Angst mit dieser Außenpolitik. Ich finde auch, dass wir uns mehr um die Russen und den Putin hätten kümmern müssen. Als die große Öffnung zum Osten hin war, als die DDR verschwand, da hätte man den Kontakt, den Gorbatschow damals etabliert hatte, intensiver pflegen sollen. Dieser Putin ist sehr empfindlich, der ist unberechenbar. Ich finde aber einfach, dass hier unsere Politik versagt hat; wir hätten den Kontakt zu Russland stärker ausbauen, zumindest aber halten sollen.

magazine4: Was müsste passieren, damit sich alles ändert? Was muss passieren, damit die Menschen endlich wirklich aus der Vergangenheit mit all ihren Schrecken lernen?

Günter Lamprecht: Oh weia … das ist so schwer zu sagen, weil sich eben nichts ändert! (lacht) Es passiert ja nichts! Ich habe sehr viele Bekannte, die alle zum Buddhismus gehen und da den Frieden suchen und finden – das sollen sie ruhig auch. Aber es ist so verschwindend wenig, was da passiert! Und die Menschen selbst: ich finde, wir geben uns einer Zeit der Verrohung hin. Wir sind ja nicht mehr höflich miteinander. Es ist fürchterlich, wie wir uns zum Teil benehmen. Besonders jetzt, wo ich älter bin, beobachte ich das am eigenen Leibe. Wenn der Mensch sich weiter so entwickelt, mit all diesem egoistischen Getue und mit dem ganzen Besitz – das kann einfach nicht gut gehen!
Eigentlich sollte es uns kuriert haben, was wir durchgemacht haben: am letzten Tag da auf einem Trümmerhaufen zu stehen, lauter besoffene Russen, die jede Frau vergewaltigten. Ich stand mit meiner Mutter und meiner Schwester da, ich bekam eine Pistole an den Kopf gehalten, damit ich nicht muckse, und dann wurden die Frauen vorgenommen … ja, und dann war Frieden. Dann war Frieden… Der Krieg war zu Ende. Von da an haben meine Familie und ich uns immer so verhalten, dass so etwas bloß nicht noch einmal passiert.
Um aber nochmal zurück zu kommen: es ist im Moment ein ziemlicher Wackelpudding, wo wir da stehen.

magazine4: Gibt es denn jemanden – entweder rückblickend auf die Kriegszeit oder auch jetzt, beispielsweise Politiker – dem Sie gerne mal die Meinung geigen würden?

Günter Lamprecht: Das kann ich ja! Ich hab ja ganz gute Kontakte. Ich bin viel in Berlin und ich muss ganz bewundernd sagen, ich bin sehr häufig mit dem Steinmeier zusammen – das hat aber mit Literatur zu tun, weil er auch gerne liest und vorliest. (…) Ich sag da schon auch meine Meinung. (…) Ich habe ja nichts zu verlieren.

magazine4: Welche Pläne haben Sie – neben Ihren Lesungen – in nächster Zeit?

Günter Lamprecht: Wie gesagt, ich habe jetzt Lesungen – recht viele sogar. Ich hatte da ja einen Ausfall, da bin ich etwas aus dem sogenannten Schauspielergeschäft rausgekommen. Das hatte mit dem Amokschützen in Bad Reichenhall zu tun, der mich zusammengeschossen hat. Die Produzenten und eigentlich alle Leute haben mich danach quasi für tot erklärt. Da standen in den Zeitungen ganz fürchterliche Sachen wie „Der kann ja nicht mehr“.
Etwas später habe ich einen Film mit Mario Adorf und Bruno Ganz gedreht, „Epsteins Nacht“; da wurde mein Trauma dann deutlich … am Ende des Films musste der Mario mich erschießen (…). Diese Szene kam immer näher und ich schlief schon kaum noch eine Nacht. Als der Tag mit der Szene gekommen war, sollte Mario in seiner Rolle eigentlich völlig außer sich sein und wild um sich schießen. Aber der machte da so eine genussvolle Geschichte draus, so auf „langsam“. Und ich dachte mir: „Oh Gott, das hältst Du nicht aus!“. Ich habe dann den Produzenten kommen lassen und gesagt: „Pass mal auf, ein Stuntman soll sich meine Klamotten anziehen. Schießt den ab. Ich geh‘ nach Hause“. Und das war dann auch so. Man sieht es im Film nicht – die Drehung habe ich noch gespielt, dann wurde geschnitten, und danach war es ein anderer. Ich konnte es nicht mehr ertragen, weil ich von all dem in Bad Reichenhall noch so gebrandmarkt war. Man muss sich vorstellen, ich bin 50 oder 60 Minuten unter einem Wagen unter Beschuss gelegen, meine Lebensgefährtin war fast schon tot und daneben lagen vier Tote; ich konnte mich nicht mehr bewegen – von der Kripo habe ich dann erfahren, dass in dem Auto 50 Durchschüsse waren. Ich selbst habe sechs Schüsse durch die Arme bekommen, meine Lebensgefährtin hatte einen Körperdurchschuss … ich will nur sagen: da hat man die Schnauze voll von Waffen! Und da habe ich angefangen, mich sehr aufzuregen z.B. gegen die Schützenvereine. Da wird so etwas ja sogar noch gepflegt! Der Bengel, der da geschossen hat, der hat das alles von seinem Papa gelernt. Der Vater war Waffenwart im Schützenverein. DA habe ich dann die Schnauze aufgemacht, u.a. bei der Maischberger, und mich mit dem Deutschen Schützenverband angelegt – das war ziemlich heftig! Ich bin dem im Studio beinahe an die Gurgel gegangen, weil der tatsächlich sagte, dass er das richtig findet, dass die Kinder schon mit vier Jahren anfangen zu schießen. Das sind so Sachen, da muss ich nicht zum Steinmeier oder zur Merkel; aber da mache ich die Schnauze auf, denn da habe ich noch Einfluss drauf; das kann ich noch! Aber das außenpolitische Geschehen, alles, was da abläuft, ist ja nicht mehr zu kontrollieren für uns.

Buchcover Biographie von Günter LamprechtWir bedanken uns für das offene Gespräch und sind gespannt auf seine Vorlesung am 8. Mai im Münchner Mathäser Filmpalast!

Kartenvorbestellung unter: info@bds-film.de

oder direkt im Mathäser Filmpalast, Bayerstr. 3-5, 80335 München

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