13. September 2017

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Unverkennbar Haitzinger … Karikatur und Malerei

Horst Haitzinger

Vom 28. Mai bis 23. August 2015 präsentiert das Museum Industriekultur die Ausstellung „Unverkennbar Haitzinger. Karikatur und Malerei“. Neben Tuschezeichnungen für die Tagespresse und farbig ausgeführten Aquarellen zu Politik, Umwelt und Gesellschaft sind auch großformatige Ölgemälde zu sehen, die eine überraschend andere Seite des Künstlers Horst Haitzinger zeigen.
 Horst Haitzinger Schere im Kopf, 2006Wie sein persönliches Vorbild Wilhelm Busch ist auch der international renommierte Karikaturist Horst Haitzinger ein Meister seines Metiers. So unverkennbar sein Stil, so zielsicher treffen seine Karikaturen ins Schwarze – zumeist mit jener Portion Ironie, die dem Betrachter ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubert. Herbert Riehl-Heyse, der langjährige leitende Redakteur der Süddeutschen Zeitung, kam bereits vor Jahrzehnten zu dem Ergebnis, dass hinter Haitzingers Bildern 25 Prozent Fleiß, 25 Prozent Nervenstärke und 25 Prozent zeichnerische Begabung stecken, während „die restlichen 99 Prozent vom Einfallsreichtum kommen“.
Seit über einem halben Jahrhundert transportiert Horst Haitzinger teils komplizierteste Sachverhalte und zeitgleich dazu passend ironischen, mitunter auch beißenden Witz. Hier schließt sich unmittelbar und mit Blick auf aktuelle Ereignisse die Frage an, was eine gute Karikatur ausmacht und damit auch, was sie darf. „Alles“, sagte Kurt Tucholsky als Ziehvater der Satire in Deutschland einmal. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er diese Aussage für die größte Verirrung eines von ihm sonst geschätzten Autors hält.
Eine Satire, die alles darf, läuft für Haitzinger ebenso ins Leere wie diejenige, die überhaupt nichts darf. So wenig wie die Schärfe eines Schwertes von der Aggressivität des Besitzers abhängt, so wenig ist eine Karikatur für Haitzinger nur deshalb gelungen, weil sie auf maximale Verstörung des Betrachters oder Obszönität setzt. Natürlich muss man in einer Demokratie auch gnadenlos geschmacklos sein dürfen, ohne an Leib und Leben bedroht zu werden, sagt Haitzinger. Aber an einem Hang zu stehen und mit Steinen zu werfen, um dann nachzuschauen, wen es da unten getroffen hat, ist seine Sache nicht. Haitzingers Welt besteht aus einem riesigen Fundus von Anspielungen und Metaphern, die ihre Wurzeln oft in Märchen und Sagen haben. Sein Witz wirkt vielfach doppelt. Er sticht sofort ins Auge und fesselt den ersten Blick, muss dann im Kopf des Betrachters aber mitunter noch eine Runde drehen, bevor man schmunzeln oder lachen kann – wahlweise hemmungslos oder sehr bitter.

Haitzinger will gezielt demontieren, demaskieren, aber nicht vernichten. Und zu dieser Form der Einfühlsamkeit, mit der er das Lächerliche und bisweilen Absurde des politischen Betriebs einfängt, steht Haitzinger offen. Schon durch diese Haltung ist er viel mehr als ein perfekter Karikaturist, der die spezifischen Eigenarten der dargestellten Personen mit aktuellen politischen Aussagen zu verbinden und zu überspitzen weiß. Er ist ein der Aufklärung verpflichteter Satiriker, ein Literat, der mit dem Pinsel arbeitet und dabei Bilder mit Grundaussagen schafft, die abgesehen vom wechselnden Personal teilweise über Jahrzehnte gültig bleiben. Seine Bilder sind Spiegelbilder der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und was Haitzinger zur bildungspolitischen Debatte, zum Gesundheitswesen, zu Gewerkschaftsforderungen, zu Europa, zur Mediennutzung, zur Umweltpolitik und vielem mehr vor 20, 30 und mehr Jahren zu Papier gebracht hat, wirkt teilweise gespenstisch aktuell.
Seit Jahrzehnten engagiert Haitzinger sich beim Bund für Umwelt und Naturschutz und beim World Wide Fund for Nature. Die Grundlage für das Interesse legte einst einer seiner Schullehrer. Es folgten Bücher von Konrad Lorenz, Carl Amery, die Berichte des Club of Rome. Die Plünderung des Planeten und wie sich der Mensch mitunter im Umgang mit der Umwelt aufführt, bereiten ihm echte Sorgen und vielleicht noch mehr, dass der Umweltschutz aktuell beinahe gänzlich von der politischen Agenda verschwunden ist. Als Referenzpunkt taucht bei Haitzinger immer wieder die Arche Noah auf, Sinnbild für eine eigene, abgeschlossene Welt, ein Hort der Geborgenheit inmitten einer feindlichen Umgebung. Diese Karikaturen sind oft geprägt von bitterer Ironie, von eindeutiger Mahnung.
Der Arche-Gedanke ist auch zentral für einen anderen, für das breite Publikum eher unbekannten Teil von Haitzingers Schaffen: Abseits seiner Münchner „Betriebswelt“ entstehen großformatige Ölmalereien. Ihnen gemeinsam ist, dass sie das außerordentliche handwerkliche Können Haitzingers ebenso deutlich machen wie seine Natursehnsucht, die in frühesten Kindheitserinnerungen wurzelt. Das alte Schloss mit seinem bisweilen morbiden Charme, in dem er geboren wurde und die ersten Lebensjahre verbrachte, hat ihn tief geprägt. Diese Gemälde, fantasievolle, detailreich angelegte Bildwelten, laden den Betrachter ein, darin umher- zuwandern und zum Entdecker verborgener Kostbarkeiten zu werden. Manche Grundmotive sind inspiriert von historischen Vorbildern, Motive, die Haitzinger von Kindheit an fasziniert haben und nun im Stil seines eigenen „magischen Realismus“ interpretiert und weitererzählt werden.

Textquelle: Museen der Stadt Nürnberg

Fotos:©Horst Haitzinger

Museum Industriekultur   Museen der Stadt Nürnberg                 

Äußere Sulzbacher Straße

62
90491 Nürnberg

www.museum-industriekultur.de
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 9-17 Uhr
Samstag und Sonntag 10-18 Uhr

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