3. Mai 2017

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Tag der offenen Tür in den Werkstätten des Deutschen Museums 9.5.2015

Wer baut eigentlich diese Dioramen, Fahrzeuge und Modelle, die im Deutschen Museum zu bestaunen sind? magazine4 durfte hinter die Kulissen des Deutschen Museums sehen.

In diesen weitläufigen Kellern befinden sich insgesamt 23 Werkstätten. Sechs davon durften wir besuchen. Morgen wird es zwei unterschiedliche Touren durch je acht Werkstätten geben. Genaueres dazu unten im Artikel.

Die Führung für uns begann in der Schreinerei, in der neben zwei Meistern vier Gesellen beschäftigt sind. Auf 400qm Werkstattfläche verteilen sich die neuesten Maschinen zur Holzbearbeitung – alle mit automatischer Absaugung. Auf höchste Standards des Arbeitsschutzes wird hier geachtet, und sie werden auch umgesetzt. Neben jeder Maschine hängen personalisierte Gehörschutze. „Heutzutage verarbeiten wir zu 90% Plattenware”, so Friedhelm Simon. Anhand von Beispielen erklärt er uns, wie diese Holzplatten hergestellt werden, die sich äußerlich von Vollholz nicht unterscheiden lassen. Das derzeitige Highlight in der Schreinerei ist die Orgel aus der Musikalienabteilung. 1923 wurde diese eigens für und in das Museum eingebaut. Die Besonderheit daran war das abgetrennte Manual, das aber 1937/38 aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen unter die Orgel gebaut wurde. Nun, 2015 wird sie wieder in ihren ursprünglichen, originalen Zustand zurückversetzt. Das bedeutet für die Schreinerei viel Tüftelarbeit, begonnen mit der Recherche im Archiv nach den alten Plänen. Diese ließen sich in der Bibliothek finden – man darf nicht vergessen, dass das Deutsche Museum wissenschaftlich arbeitet. So werden für Neubau des Gestühls auch nicht die Verarbeitungstechniken von heute angewendet, man findet lieber heraus, wie die Meister von dereinst mit Holz umgegangen sind. Dies schlug sich besonders im Bau des Kutschensimulators von 2005 nieder, als man während der Restauration einer alten Kutsche darauf stieß, dass diese nicht verwendbar ist. Kurzerhand plante man den Neubau einer Kutsche und stieß dabei wieder auf Problemstellungen, die von „einfachen Schreinern” nicht zu bewerkstelligen waren, und man schickte einen Mitarbeiter zur Fortbildung zu einem Stellmacher – so wird der Beruf desjenigen genannt, der Kutschen und Wagen aus Holz baut. Eine originalgetreue Kutsche konnte so gebaut werden. Sie ruht auf einem Rüttelgestell, das bei Betrieb das Reisen in einer Kutsche über die holprigen Wege aus dieser Zeit nachbildet. Auch dies eine Zusammenarbeit der verschiedenen Werkstätten, die in der freien Wirtschaft nur selten in einer derartigen Form vorkommt.

An Themeninseln wird besonders Kindern erklärt, wo Holz eigentlich herkommt, wie man die verschiedenen Holzsorten unterscheidet und was für Unterschiede es bei Gewicht, Maserung und Stabilität gibt. „Besonders die Kleinen sind oft verwundert, wie doch immer noch vieles in der Schreinerei per Hand bearbeitet und hergestellt wird, und nicht maschinell”, so Simon.

Von den Schreinern ging es zu den Modellbauern. Hier werden Verkleinerungen von Exponaten im Maßstab 1:5 bis 1:500 hergestellt, aber auch Vergrößerungen bis zum Maßstab 350:1, z.B. die einer menschlichen, begehbaren Zelle.

Dieses Jahr besonders zu beachten ist ein Diorama zum Thema „Tatort“ im Maßstab 1:5, anhand dessen der Betrachter die detektivische Arbeit der Polizei nachvollziehen kann. Mehrere Vormodelle führen letztendlich zu dem endgültigen Exponat. Hierzu ist die detektivische Arbeit der Modellbauer gefordert. Das Auge muss nahezu perfekt getäuscht werden. So wird selbst ein Gemälde im verkleinerten Maßstab von den Malern angefertigt. Aber auch neueste Methoden wie 3D-Druck kommen zur Anwendung. Ca. 4000 Arbeitsstunden stecken in der Zusammenarbeit der Schreinerei, der Bildhauer, der Maler und nicht zuletzt der Modellbauer und anderer Werkstätten. Zweieinhalb Jahre hätte ein Einzelner daran gebaut. Den Detailreichtum des Modellbaus näher zu beschreiben, würde den Rahmen hier bei weitem sprengen, die Fotos in der Galerie mögen für sich sprechen.

Anschließend ging es zu den Bildhauern, die sich in ihrer Arbeit rein am Menschen als Bezugspunkt orientieren. So werden Figuren von kleinst bis übergroß zunächst mit einem Drahtskelett ausgestattet, bei den übergroßen aus deutlich festeren Materialien. Später formt man den Körper um dieses Skelett z.B. mit Gips; bei großen Modellen kommen leichte Kunststoffe ins Spiel, die Figuren müssen ja noch transportabel sein. So entsteht gerade eine Skulptur des „Golem”, des ersten Roboters der Filmgeschichte, für die Robotik-Ausstellung.

Hier entstehen aber auch die Nachbildungen der Natur, die in Dioramen abgebildet wird. Anhand von Fotos werden z.B. Steinwände so nachgebildet und angebracht, dass es einen natürlich wirkenden Übergang zu den Hintergründen gibt, die wiederum von den Malern gestaltet werden. Objekte verlassen die Bildhauerei in „weißem” Zustand – unbemalt. Auch die Gesteinsschichten des Bergwerks entstanden hier. Gestern feierte es am 07.05.2015 übrigens 70sten Geburtstag. Besuchen sie es doch mal (wieder). Es könnte wegen behördlicher Auflagen heute so nicht mehr entstehen.

Bei Modellen, zu denen es keine zeitgemäßen Abbildungen gibt, so z.B. der Darstellung der biblischen Geschichte der Landvermessung, gestaltet sich dies naturgemäß schwierig. Hier ist sehr viel Phantasie gefragt, um den Betrachter in der Zeit zurückzuversetzen. Auch bei den Bildhauern gibt es zu viel zu sehen und zu bestaunen, um es hier zu beschreiben.

Dann ging es über weitläufige Gänge zu den Werkstätten für wissenschaftliche Instrumente und Uhren. Hier kümmert man  sich um die ursprünglichen Ausstellungsgegenstände des Deutschen Museums. Die ersten Objekte bestanden aus der Akademiesammlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Einen mechanischen Trompeter gibt es hier zu bestaunen, der zwar nicht mehr spielt, jedoch gibt es noch eine Tonaufnahme von 1956. Zu seiner Blütezeit diente er als reisende Kuriosität. Solche Exponate werden nicht mehr repariert oder instandgesetzt, es würde den Erhaltungszustand zerstören. Dieser wird jedoch mit Ausbesserungen fortgeführt, die auch für den Betrachter sichtbar sind. Es soll nicht der Eindruck entstehen, man würde hier etwas erneuern wollen. Es handelt sich schließlich um ein Museum.

Dies ist auch die Abteilung, die auch die Turmuhr wartet, die letzte mechanische Turmuhr der Stadt. Auch wenn es sonst keine Erneuerungen an Exponaten des Museums gibt, so darf man hier doch eine neue Lagerung für die Achse eines Antriebsrads konstruieren. Die alte Lagerung hatte die vorherige Achse innerhalb von 25 Jahren auf gut die Hälfte ihres Durchmessers heruntergeschliffen.

Aber auch eine Elektronik-Werkstatt darf in einem Museum nicht fehlen. Von der Elektrifizierung der Exponate bis zur Neugestaltung komplexer Apparaturen passiert hier alles rund ums Thema „Strom”. So wird gerade im Prototypenbau mit CAD und neuen Elementen aus dem 3D-Drucker eine Exponat zum Thema „Differenzwellen” von Grund auf neu konstruiert. Ohne den 3D-Druck hätte man viele Bauteile gar nicht entstehen lassen können. Aufgaben, wie zusammenklumpende Glasperlen, die sonst zum Sandstrahlen verwendet werden, mussten gelöst werden. Genauso, wie man diese immer wieder gleichmäßig per Mechanik auf einer Stahlplatte aufbringt. Und später darf der der Besucher so wenig wie möglich von dem Aufwand sehen. Der Apparat dient rein zur Darstellung von Mustern von Tonfrequenzen, mit denen die Metallplatte in Schwingung versetzt wird. Faszinierend!

Das Deutsche Museum ist nebenbei weltweit das einzige Museum mit solchen Möglichkeiten, Exponate zu restaurieren, zu erhalten oder gleich im Prototypenbau komplett neu zu gestalten.

Es finden zwei unterschiedliche Touren durch je acht Werkstätten statt – die Touren dauern zwei bis zweieinhalb Stunden. Es gibt Führungen für Gehörlose und zwei Familienführungen für Erwachsene mit Kindern von 5 bis 12 Jahren; mehr dazu auf www.deutsches-museum.de. Platzreservierungen sind am 09. Mai ab 8 Uhr vor Ort möglich. Beginn der ersten Führungen: 8 Uhr. Weitere Führungen beginnen alle 30 Minuten, die letzte um 16 Uhr. Treffpunkt: Innenhof des Deutschen Museums. Die Teilnahme ist kostenlos. Es gibt aber keine Teilnahmegarantie – es gibt 34 Führungen à 12 Teilnehmer, also insgesamt 408 Plätze.

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