27. Mai 2016

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Mit einer Doku die Welt retten? „Ich finde es anmaßend, als Retter anzureisen“ – Nora Tschirner im Interview

Waiting Area

waiting area 4Auf dem zweiten Snowdance Independent Filmfestival gab Nora Tschirner ihr Debüt als Regisseurin – mit dem Film „Waiting Area“, einer intimen, bildgewaltigen Dokumentation über vier äthiopischen Frauen, die an Geburtsfisteln leiden. Eine weitere „Heldin“ der Doku ist Dr. Rita, eine engagierte, deutsche Ärztin, die sich seit über 15 Jahren für Aufklärung in afrikanischen Ländern einsetzt und  sich dort mit viel Herz und Feingefühl um ihre Patienten kümmert. Das „Waiting Area“ ist eine ihrer Einrichtungen; hier können die Frauen bis zur Niederkunft warten, werden professionell betreut und auch nach der Geburt versorgt.

Zum Film:
Ein Blick in eine unbekannte Welt. Der Film folgt vier jungen Frauen in Äthiopien und begleitet sie bei den Hoch- und Tiefpunkten ihrer Mutterschaft. Obwohl sie unterschiedliche Leben führen, ein schweres Los ist ihnen allen gemein: Geburtsfisteln – eine in Afrika weit verbreitete postnatale Krankheit, die äußerst schmerzhaft und darüber hinaus mit dem Verstoß aus der Gemeinschaft verbunden ist. Tschirner und Beer verzichten auf eine Dramatisierung ihrer Bilder durch Musik. Sie setzen die Ereignisse nicht in Szene, sie beobachten lediglich und lassen die Zuschauer daran teilhaben.

Wir haben mit den Regisseurinnen Nora Tschirner und Natalie Beer über ihr Filmprojekt gesprochen und viele spannende Hintergrundinformationen zum Film erhalten! Lest selbst, welchen Herausforderungen sich die beiden stellen mussten – angefangen von der fremden Sprache, den fremden Bräuchen und Sitten bis hin zur Arbeit im Schneideraum.

magazine4: Du warst zum ersten Mal als Regisseurin tätig – welchen Herausforderungen musstest Du Dich stellen?

Nora Tschirner: Vielen. Verantwortung hoch fünfzehn! Die heftigste Herausforderung am Dokumentarfilm für mich ist es allerdings, den richtigen Moment zu finden, wann die Kamera angehen soll. Ich persönlich würde nämlich am liebsten nur die ganze Zeit dort rumsitzen, mit den Protagonisten essen, Quatsch erzählen und mir Häkeln und Feuer machen beibringen lassen. Im Grunde ist es mir ist dann sehr unangenehm, zu sagen: „So, und jetzt halte ich Dir ein Mikrofon ins Gesicht“.

magazine4: Und dieser Moment, wenn Du den Leuten ein Mikrofon hinhältst, passiert dann einfach intuitiv?

Nora Tschirner: Nein, für mich eben nicht. Ich muss mich dazu regelrecht zwingen; das war für mich schon ein Problem. Natalie und unsere Kamerafrau waren da etwas cooler drauf.

Natalie Beer: Ich will immer pushen, weil ich ja auch Regieassistentin bin. Ich habe immer auf die Uhr geschaut und hatte ständig im Kopf: wir müssen jetzt noch dies und jenes drehen und morgen dann diesen Protagonisten… Und Nora dann so: „Nein, wir chillen jetzt.“ Ich denke, das ist auch wichtig, denn sie sieht das Ganze aus einem völlig anderen Blickwinkel. Sie ist Schauspielerin; das heißt, sie weiß, dass man auch Zeit braucht. Schauspieler müssen ja auch proben und reinkommen in die Story – und ich glaube, es ist gut, die Protagonisten dann auch erstmal in Ruhe zu lassen.

Nora Tschirner: Es ist ja so, jeder Mensch macht natürlich erst einmal dicht, wenn Du ihm mit einer Kamera daherkommst … oder sagen wir präziser: er verändert sich. Es gibt natürlich auch Leute, die es lieben, wenn sie gefilmt werden. Aber sie verändern sich trotzdem. Um eine authentische Geschichte einzufangen, muss man die Kamera also, wenn überhaupt, eher „einschleichen“. Ich befürchte übrigens wirklich, daran wird es scheitern, dass ich viele Dokumentarfilme in meinem Leben drehen werde, weil mich dieser Fakt unglücklich macht; ich würde lieber im Hintergrund recherchieren, als diese Kamerainitiative zu ergreifen.

magazine4: Wie enthemmt man die Protagonisten? In Eurem Film sehen wir sehr intensive, intime Momente; ihr behandelt ein sehr persönliches Thema – wie habt Ihr den Frauen, die Ihr im Film begleitet habt, die Angst genommen?

Nora Tschirner: Erst einmal mit ehrlichem Interesse. Wenn sie merken, dass man an ihrer Geschichte interessiert ist und auch sanft damit umgeht, dann macht das schon sehr viel aus. Wichtig ist auch grundsätzliches Interesse an ihrem Leben. Wir haben dort einige Zeit verbracht, und die Leute haben gemerkt, dass wir es in ihrem Land einfach spannend finden. Letztlich haben wir erstmal Freundschaften geschlossen.

magazine4: Ja, man hat auch gemerkt, dass die Protagonisten sich frei gefühlt haben. Das Schöne und Bewegende an Eurem Film ist das Gefühl, ohne Scheu sehr nahe dran zu sein.
Du kommt ja eigentlich aus dem Bereich „Spielfilm“ – warum hast Du Dich bei Deinem Regie-Debüt für eine Doku und nicht für einen Spielfilm entschieden?

Nora Tschirner: Lustigerweise war mir das beim Gedanken an meine erste Regisseur-Tätigkeit bereits vorher schon immer klar. Mein Vater ist ja Dokumentarfilmer, und es war für mich der natürliche Weg, ein Thema zu finden – also immer erstmal im wahren Leben nach einer Geschichte zu suchen. Schon bevor Natalie zu mir kam, war mir klar, dass demnächst für mich Regie anstehen würde, und  auch, dass das ganze im Dokumentarbereich statt finden wird. Nach dieser Erfahrung jetzt würde ich als nächstes aber eher Spielfilm-Regie anpeilen, weil ich das andere eben nur schwer aushalten kann.

magazine4: Ist das Thema Eures Filmes eher schwierig für ein Festival, oder ist es eine gute Plattform, um dem Zuschauer das Thema näher zu bringen und auf gewissen Problematiken aufmerksam zu machen?

Nora Tschirner: Es gibt ja keine Vergleichsmöglichkeiten; bisher ist das hier auf dem Snowdance Filmfestival so ziemlich der einzige Ort, wo der Film bis jetzt gezeigt wurde – und es lief fantastisch. Vor allem weißt Du als Filmemacher: da kommt ein Publikum, das sich drauf einlässt, eines, das nicht zurückgelehnt sagt „Jetzt bespaßt mich mal“, sondern schon mit einem großen Konzentrationslevel in den Film reingeht. Im besten Falle ein mündiges Publikum, das auf eine bestimmte Art wohlwollend, aber auch unbestechlich ist. Das bedeutet dann in der Konsequenz, dass du im Anschluss wahrhaft aufschlussreiche Rückmeldungen bekommst, ein direktes Gespräch mit dem Publikum ohne merkwürdigen Meet-and-Greet-Charakter. Das genieße ich sehr. Weil es eben im Gegensatz zu den meisten anderen öffentlichen Auftritten nicht um mich persönlich geht, sondern wirklich um den Inhalt des Films.

magazine4: Wenn man so einen Film dreht, dann denkt man sich doch wahrscheinlich ständig: „Und ich hab Probleme!?“. Ist man dann vor Ort und hat das Gefühl, man kann etwas verändern?

waiting area 1Nora Tschirner: Ich glaube, so darfst Du gar nicht denken. Du musst auf Augenhöhe rangehen. Wir gehen da nicht hin und denken „Oh Gott, wie schlimm.“ Ich interessiere mich für die Menschen und denke nicht „Oh, wir können mit dieser Dokumentation etwas verändern!“. Denn dann würde ich von oben herab gucken, wie auf eine Versuchsanordnung und irgendwie Gott spielen. Ich habe überhaupt keine Ahnung, ob wir damit etwas verändern; ich interessiere mich nur für das, was unsere Protagonisten uns erzählen, und deswegen macht es mich auch nicht betroffener, als wenn in meinem Freundeskreis etwas Bewegendes passiert. Betroffenheit ist sowieso ein merkwürdiger Zustand. Nah an der Betulichkeit, immer irgendwie gelähmt und distanziert.
Man kann empathisch sein und involviert, aber Betroffenheit nützt niemandem. Und ich finde es auch ein bisschen anmaßend, als Retter anzureisen.

magazine4: Ist es nicht die Intention einer solchen Doku, etwas verändern zu wollen?

Nora Tschirner: Ich bin grundsätzlich der Meinung, dass man als Einzelner die Welt verbessern kann und dass das auch ein Auftrag ist. Aber es ist nicht mein Anspruch, wenn ich Kunst mache; da denke ich nicht: „So, jetzt verändere ich die Welt damit“. Dann will ich eine Geschichte erzählen. Ich glaube, das ist wichtig; sonst schaust Du zu sehr auf einen Effekt und auf das Ergebnis dessen, was Du machst, als dass Du wirklich bei der Sache bist. Ich glaube, dann wird es auch nicht so gut, weil man im entscheidenden Moment auch nicht so richtig zuhört. Aber, ja, im Grunde traue ich einer Geschichte natürlich alles zu!
Es gibt ein fantastisches Beispiel: den Film „Lost Children“. Den haben nur eine Handvoll Leute miteinander gedreht, weil keiner sich getraut hat, diesen Uganda-Beitrag mit ihnen vorzubereiten, weil das ganze Thema so gruselig war. Letztendlich wurde dieser Film aber im Bundestag gezeigt und auf EU-Ebene weitergegeben, so dass sich die EU zum ersten Mal überlegt hat, wem man Geld gibt. Denn den Regierungen dieser Länder hilft der Krieg ja eigentlich, weil sie dadurch an Geld kommen. Der Film hat eine riesen Debatte ausgelöst, und dieser Druck, der plötzlich damit aufgebaut wurde, hat dazu geführt, dass in Uganda nach ganz langer Zeit wieder Friedensverhandlungen durchgeführt wurden. Es kann also alles passieren; ich glaube nur, man darf mit dieser Intention nicht drangehen, sonst zäumt man das Pferd von hinten auf.

magazine4: Euer Film lebt ja von dieser Dr. Rita – man denkt da gleich an Mutter Theresa …

Nora Tschirner:.Obwohl, ich bezweifle, dass Mutter Theresa auch nur annähernd den gleichen trockenen Humor anzubieten gehabt hätte. Dr. Rita war natürlich ein Riesengeschenk für den Film, aber auch für uns ganz direkt. Wir haben unschätzbare Einblicke bekommen und quasi ein halbes Praktikum als Arzt abgelegt – und Dr. Rita ist in ihrem Pragmatismus manchmal echt knallhart; einmal rief sie „Nora, komm mal hinter den Vorhang“, und dann lag da eine Frau mit gespreizten Beinen, und Dr. Rita meinte nur: „Guckmal, das meinte ich eben, hier fällt nämlich immer die Gebärmutter raus, na, ich steck sie mal wieder rein. Schau.“

Nathalie Beer: Wir mussten uns im Schnitt schweren Herzens von vielen fantastischen  Momenten mit ihr trennen, um es nicht zu einem Film über eine deutsche Ärztin in Afrika werden zu lassen. Überhaupt, das war der größte Kampf: wir hatten einfach so unglaublich viel Material, wir haben auch mit zwei Kameras gedreht – hinzu kam, dass wir erst einmal gar nicht exakt wussten, was die Leute uns erzählen. Du weißt ja nicht mal, wann ein Satz aufhört. Wir mussten das ja transkribieren lassen. Vorbereitungsmäßig sitzt Du da Monate dran. Mit der Cutterin haben wir also erst einmal viel Zeit damit verbracht, herauszufinden, was die Leute überhaupt sagen.

Nora Tschirner: In Äthiopien gibt es um die 80 Sprachen. Das heißt, es gibt eigentlich keinen Dolmetscher, der mehr als zwei Sprachen spricht. Da hatten wir also Leute, die konnten zwar die eine Sprache, aber die konnten sie dann nur in eine andere Sprache übersetzen und nicht ins Englische und so weiter. Dann konnte ein anderer zwar ins Englische übersetzen, aber nicht so gut tippen. Vor Ort hat es einfach ewig gedauert, bis wir die Transkription hatten. Im Schneideraum ging es dann genauso weiter. Du kannst auch nicht sagen „Ok, kein Ding, wir lassen da jetzt in Berlin nochmal jemanden drüberschauen, der die und die Sprache spricht“. Weil es kaum jemanden gibt. Wir haben dann wirklich irgendwann in einem äthiopischen Restaurant einen Zettel an der Tür hinterlassen, weil wir wussten, dass da jemand ist, der uns vielleicht helfen kann.

Nathalie Beer: Das war wirklich das Anstrengendste für den Film. Allein schon die Interviews mussten wir komplett in die Hände der Dolmetscher abgeben. Du konntest sie briefen. Du musstest ihnen dann aber vertrauen und sie einfach machen lassen, um den Gesprächsfluss nicht ständig zu stören. Da hatten wir aber wirklich Glück, die haben das toll gemacht.

magazine4: Um die Stimmung vor Ort besser einzufangen, habt Ihr Euch entschieden, alle Zitate in der Originalsprache zu belassen und nur mit Untertiteln zu belegen. Deswegen auch der Verzicht auf Musik?

Nora Tschirner: Das hat sich einfach so ergeben – es ist ja Musik drin; die Leute singen ja teilweise. Ich wollte das Land aufsaugen. Schau, wir waren fünf Wochen da und konnten das Land atmosphärisch absorbieren, im Film bleiben dafür nur 70 Minuten, da wollten wir nichts unnötig zuballern. Uns war auch von Anfang an klar, dass wir – wenn wir überhaupt Sound wollen – dann nicht in dieser romantisierten Ethno-Schiene landen wollen. Irgendwann merkten wir: am tollsten ist der Film, wenn er einfach so still ist, wie er ist, und so laut, wie er an anderen Stellen eben ist. Dann taucht man einfach am besten ein.

magazine4: Nora, Du bist Schauspielerin, jetzt Regisseurin – und hast auch eine eigene Band. Was dürfen wir noch alles erwarten?

Nora Tschirner: Das bewegt sich ja alles in einem sehr ähnlichen Bereich – und in diesem kreativen Bereich bleibe ich auch. Ich glaube nicht, dass ich irgendwann noch Börsenmakler werde – oder ein richtig dolle guter Dachdecker. Vielleicht ein mittelmäßiger Dachdecker … aber ich glaube, es wird alles im Themenbereich Kunst und Kreativität bleiben.

magazine4: Vielen Dank Euch beiden für das aufschlussreiche, nette und sehr interessante Gespräch!

waiting area nora und natalie

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