19. Juli 2016

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Kein Widerspruch: erfolgreich mit Behinderung

kein widerspruch

Das Projekt eines Münchners, das definitiv mehr Aufmerksamkeit verdient: „Kein Widerspruch“ von Johannes Mairhofer. In aussagestarken Portraits lernen wir Menschen kennen, die fest im Leben stehen. Das Besondere? Jeder der Protagonisten auf „Kein „Widerspruch“ ist erfolgreich – mit einer Behinderung. Und mit dem Umgang damit. Die Lebens- und Erfolgsgeschichten jedes Einzelnen sind dabei spannend erzählt und lassen tief blicken. Trotz all der menschlichen Unterschiede haben alle Geschichten eines gemeinsam: den Wunsch nach Gleichbehandlung.

Johannes Mairhofer ist in den letzten Monaten viel gereist. Unter dem Hashtag #keinwiderspruch konnte man seinen Roadtrip mitverfolgen; und auf www.keinwiderspruch.de kann man die Menschen „kennenlernen“, die er besucht hat. Mairhofer, der mit einer Sehbehinderung geboren wurde, beschreibt sein Projekt auf der Webseite wie folgt:

„Menschen mit körperlichen Einschränkungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Menschen mit psychischen Erkrankungen wird leider oft weniger zugetraut als den sogenannten “Normalos”. Hier fällt oft das Wort “trotz”. Jemand ist dann z.B. erfolgreich trotz seiner vermeintlichen Einschränkungen. Das klingt oft so als ob es ein Widerspruch wäre, erfolgreich zu sein, wenn man eine Behinderung hat.“

Die Begriffe „Erfolg“ und „Behinderung“ dürfen bei Mairhofer, der als selbstständiger Fotograf tätig ist, getrost in einem Atemzug erwähnt werden. Und seine Ansicht geht sogar noch viel weiter: „Dass dies alles eben kein Widerspruch ist und sogar ein Vorteil sein kann, wird (auf „Kein Widerspruch“) gezeigt.“

Starke Menschen, coole Projekte & gesunde Sichtweisen

Starke Menschen geben uns auf „Kein Widerspruch“ Einblicke in ihr Leben. Und diese Leben sind gewissermaßen genauso herrlich normal wie die Leben nichtbehinderter Menschen. Und darum geht es!
Anastasia Umrik nimmt uns mit ihrer Geschichte mit in ein Leben, das genauso geprägt ist von Unsicherheiten, Alltäglichem und Glück wie das jedes anderen Menschen: „Ich bin eine sehr typische Frau: Ich liebe Schuhe, rote Lippenstifte (…) ich unterscheide mich mit keiner Eigenschaft von den mir bekannten Menschen! Mich bewegen dieselben Sachen, ich weine bei denselben Filmszenen, ich zweifle genauso selten oder oft an mir (…). Aber die meisten Menschen… Ja, sie sehen erst einmal nur die Behinderung und den dazugehörigen Rollstuhl.“

Spannend wird es besonders bei den Projekten, die jeder der Protagonisten vorstellt. Anastasia z.B. hat das ehrenamtliche Projekt „andersStark – Stärke braucht keine Muskeln“ ins Leben gerufen. Gestartet als Fotoprojekt, das Frauen, die an einer muskulären Erkrankung leiden, in den unterschiedlichsten Situationen in Szene setzt – nun soll das Projekt in einen gemeinnützigen Verein umgewandelt werden, um die allgemeine Denkweise zu verändern:„Auf welcher Titelseite erblickten wir je eine Rollstuhlfahrerin? In welchem Werbespot sahen wir eine glückliche Familie mit einem behinderten Familienmitglied? Unser bestehendes Schönheitsideal ist vorgeprägt und es ist nicht verwunderlich, dass wir vor dem ‚Anderssein‘ erst einmal zurückschrecken. Das Ziel unserer Arbeit ist, dass die Betrachter der Bilder schmunzeln, nachdenken und verstehen: Nur wir selbst erschaffen unsere Realität und kreieren unser Weltbild zusammen.“

Aleksander Knauerhase arbeitet freiberuflich als Referent und Dozent. Wir erfahren: „Ich bin Autist. Und ich habe ein Buch über Autismus geschrieben. Und hier wird mein Autismus zur Stärke. Nur ein Autist kann Autismus aus der Innensicht beschreiben und Einblicke in den Alltag eines Autisten geben. Eine weitere Sichtweise auf die Behinderung, von der viele Menschen reden, von der aber nur wenige wissen, was sie wirklich bedeutet.“

Auch er geht in seinem Portrait weniger auf seine Erkrankung selbst ein als auf die vermeintlichen Widersprüche, die die Menschen zu sehen glauben. In seinem Bericht spürt und erfährt man, dass er tagtäglich mit eben jener Denkweise konfrontiert wird. „Widersprüche sind nicht leicht zu durchbrechen. Diese Widersprüche sind aber auch eine Chance auf Bewegung und Wandel. Nämlich immer dann, wenn ich meinen Gegenüber davon überzeugen kann, dass die Sichtweise eines Autisten eine Bereicherung ist.“

Gee Vero stimmt mit seiner Aussage überein. Auch sie ist Autistin und gibt Einblicke in ihr Leben und ihren Umgang mit der Erkrankung. Und auch sie hat sich entschlossen, öffentlich über ihre Krankheit zu sprechen.

„Was (wir) am dringendsten brauchen, ist Akzeptanz. Dann können wir mit unserem Autismus nämlich ziemlich gut leben. Um Autismus zu akzeptieren, müssen die Menschen diese andere Wahrnehmung verstehen. Und wer könnte es ihnen besser erklären als ein Autist. Wenn ich wissen wollte, wie es auf dem Mond ist, dann würde ich Buzz Aldrin fragen und nicht einen Experten von der Bodenstation.“

Klare Worte, zwingende Logik, kein großes Blabla. Und ein wichtiger Satz, der so oder so ähnlich in fast allen Portraits fällt, um zu zeigen, dass eine Behinderung nicht zwangsläufig im Widerspruch zu Erfolg oder einem glücklichen Leben steht: „Das alles ist „kein Widerspruch, denn mein Verhalten ist nicht falsch, sondern einfach nur anders. Es entspricht meiner Wahrnehmung. Und diese Wahrnehmung ist anders. Es ist (m)eine andere Wahrnehmung.“

Die Projekte der „Kein Widerspruch“-Protagonisten sind genauso unterschiedlich wie die Menschen selbst. Jeden beschäftigt und bewegt etwas anderes. Cinderella Glücklich zum Beispiel beschäftigt sich gerne und viel mit Mode und Schönheit. Sie selbst sitzt im Rollstuhl und war es, wie sie in ihrem Bericht beschreibt, leid, immer nur auf ihre Behinderung reduziert zu werden. „In meinem Alltag habe ich festgestellt, dass sich viele Menschen mit Behinderung als hässlich ansehen. (…) Sie machen nicht viel aus sich und ihrem Äußeren, weil sie denken, dass es sowieso keinen Sinn hat. Denn die Behinderung bleibt ohnehin. Auch ich habe das gedacht. Bis ich vom Gegenteil überzeugt wurde. Mich schön zu kleiden, auf mein Äußeres zu achten, hat nicht nur dazu geführt, dass ich mich selbst besser fühle, sondern auch dazu, dass andere Menschen mich anders wahrnehmen.“ So entstand das Projekt „FashionAbility – Be fashionable!“. Und ein wirklich lesenswerter Blog, in dem sie mit herrlich viel Humor und noch mehr Ehrlichkeit aus ihrem Leben erzählt.

Schluss mit der einseitigen Darstellung!

Mit „Kein Widerspruch“ greift Johannes Mairhofer ein Thema auf, das schon immer für Kontroversen sorgt: die oft einseitige Darstellung und Behandlung behinderter Menschen. Mit seinen lebensfrohen Projekt-Teilnehmern und den aussagekräftigen Berichten will er genau dagegen ankämpfen. Auf „Kein Widerspruch“ wird nicht gejammert und lamentiert – im Gegenteil: die positive Botschaft jedes einzelnen Berichtes ist ansteckend.
Die Internetseite www.leidmedien.de beschäftigt sich ebenfalls mit der Thematik der einseitigen Darstellung von Menschen mit Behinderung – insbesondere in den Medien:

„Medien schaffen Wirklichkeit – Journalistinnen und Journalisten wissen das und bedienen sich leider dennoch häufig einseitiger Sprachbilder, Floskeln und Klischees. Formulierungen wie „an den Rollstuhl gefesselt“ oder „leidet an“ lassen negative Bilder im Kopf entstehen, die das öffentliche Bild behinderter Menschen prägen. (…) Andere Lebensbereiche rücken in den Hintergrund, zugunsten von “Schubladen”, in die das Leben vieler behinderter Menschen nicht hinein passt. Statt ausgewogen zu informieren,  festigen die „Leidmedien“, wie wir sie nennen, das verbreitete Bild von Behinderung: Das schwere Schicksal, das überwunden werden muss – obwohl viele Menschen gerne leben, gerade auch mit ihrer Behinderung.“

Auf www.leidmedien.de werden Ratschläge und Tipps zur ausgewogenen Berichterstattung gegeben – bereits die Startseite mit ihren Zitaten macht klar: in den Medien muss wirklich umgedacht werden!

Wir wollen mehr!

Im nächsten Jahr wird es eine begleitende Ausstellung zum Projekt „Kein Widerspruch“ geben. Fotograf und Initiator Mairhofer hat alle Protagonisten auf seinem Roadtrip professionell in Szene gesetzt. Authentisch und echt soll sie werden –eine Ausstellung „zum Anfassen“, möglicherweise auch als Wanderausstellung mit etwaiger Anwesenheit der Protagonisten. Die genaue Vorgehensweise ist gerade in Planung. Und auch ein Buch wird folgen, das wahrscheinlich durch Crowdfunding finanziert werden soll. Wir finden: ein tolles Projekt, interessante Menschen und auf jeden Fall eine Aktion, die unterstützt werden sollte. Sobald es die Termine zur Ausstellung sowie zu den konkreten Möglichkeiten, die Buchproduktion zu unterstützen, gibt, wird magazine4 auf jeden Fall nochmals gesondert darauf hinweisen!

Zu berichten gäbe es noch viel – die Geschichten der 28 „Kein Widerspruch“-Teilnehmer lesen sich allesamt hervorragend. Ein Klick auf die Homepage ist also ein Muss.
Johannes Mairhofer hat zusammengebracht, was zusammengehört: starke, kreative Menschen mit coolen Ideen, spannenden Projekten und einem gesunden Kampfgeist. Gesund! Das ist wohl das wichtigste Wort in diesem Artikel.

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