28. August 2017

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Die stade Zeit

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Es wird nicht mehr richtig hell, draußen ist es kalt, nass und windig. Du hast den Wunsch, dich zurückzuziehen, mit einer Tasse heißen Tee oder Kakao am Ofen zu sitzen und deinen Gedanken nachzuhängen. Die Eindrücke des Sommerurlaubs liegen schon wieder weit zurück, der Lavendel, den du aus Südfrankreich mitgebracht hast, staubt auf der Kommode friedlich vor sich hin. Du denkst an kuschelige Flanellschlafanzüge, dicke Socken und Federbetten, zusammengerollte Katzen, die auf dem Sessel schlafen, Zimtgeruch und Weihnachtsplätzchen. GONG!!!! Schlagartig erwachst du aus deinen Tagträumereien und rast zum Kalender. Wann ist noch mal 1. Advent?? Da müssen ja schließlich alle zwölf Sorten Gebäck fertig in den Keksdosen liegen. Keksdosen!! Die sind doch irgendwo im Keller oder im Speicher – oder vielleicht ganz hinten im Schrank???  Und: wenn 1. Advent ist, dann muss ja auch gleich der Adventskalender noch fertig sein, mit je 24 Päckchen à zwei Kinder! Und dann ist auch Nikolaus – was soll bloß in die Schuhe? Gähnende Leere dort, wo eigentlich die Ideen sein sollten, wer was zu Weihnachten kriegt – spätestens jetzt ist dein Blutdruck auf 180 und

der Rücken schweißnass. Während sich der Rest der Familie genüsslich im Stadium der Vorfreude befindet, bist du bereits bedient und schon voll im  Weihnachtsstress. Außerdem muss der Adventskranz her, Päckchen für eine Tombola für den Sportverein des Sohnes gepackt werden und die Tochter braucht Extraplätzchen für ihre Weihnachtsfeier im Tierschutzverein – „nur eine Dose, Mama!“. Keine Spur von besinnlicher Weihnachtszeit und Dämmerstunden mit Kerzen, ab jetzt ist Hochleistung angesagt. Neben den üblichen Aufgaben wie Job, Haushalt und Organisation desselben bleibt dir somit keine freie Minute mehr und du kommst noch später ins Bett als sonst. Von Partnerschaft ist da auch keine Rede mehr. Du hast Stress! Stress ist ungesund, das weißt du, Weihnachtsstress macht noch unzufriedener, lässt dich am Weihnachtsabend nach dem Servieren des 5-Gänge-Menüs erschöpft in Berge von Weihnachtspapier sinken und ab 21.30 Uhr kannst du die Augen kaum noch offen halten. Du schleppst dich mit der Familie frierend in die Mitternachtsmesse und

jubilierst: „Gottseidank ist es wieder vorbei für ein ganzes Jahr – Halleluja!“ Und dass soll die „stade Zeit“ sein????  
Stressauslöser sind der Zeitdruck, die Verantwortung für das Wohlbefinden der Familie und das zwanghafte Einhalten der Familienrituale zur Weihnachtszeit, zu viel Arbeit und zu schnelles Tempo, keine oder wenig Anerkennung der eigenen Leistung.  Nicht zu vergessen der immens hohe Druck, alles ganz besonders schön haben zu wollen und vor allem mit den Freundinnen und Nachbarinnen mithalten zu können, denn Gottbewahre, was, wenn du nur drei Sorten backst! Wenn du dich hier wiederfindest darfst du dir an dieser Stelle überlegen, ob es  wirklich das ist, was du jedes Jahr wiederholen willst.

Dann kannst du anfangen, dir ein paar Fragen zu stellen: Wer plant in der Familie gewöhnlich Feste und Feiertage? Wer befasst sich am meisten damit, wer am wenigsten? Machen die Vorbereitungen und

das Fest auf diese Weise Spaß? Wie fühlst du dich, wenn das Fest vorbei ist?

Die Weihnachtszeit ist eine Abfolge von Ritualen, die heute leider meist sinnentleert nachgeturnt werden. Hier könntest du einhaken und hinschauen. Machst du das, weil es dir oder der Familie wirklich etwas bedeutet oder machst du das, weil du es schon immer so gemacht hast, ohne eigentliche innere Berührung? Rituale bleiben kraftvoll und vitaminhaltig für die Seele, wenn Familien in der Lage sind, sie im Laufe des Lebens zu verändern und der Situation anzupassen. Dadurch gelingt es, Zusammenhalt zu stärken. Wenn du beginnen könntest, alle daran zu beteiligen und die Vorbereitungen auf mehrere Schultern zu verteilen, leidet nicht einer bzw. eine unter nahezu vierwöchigem Dauerstress und du kannst die Zeit wieder genießen. Vielleicht einmal mit einer gemütlichen Stunde im Sessel, mit dicken Socken und Tee? Oder mit einer Meditation, die zu dir selbst führt, anstatt in überfüllten heißen Kaufhäusern der Göttin Konsum zu opfern und dich von dir selbst zu entfernen? Vielleicht magst du

einmal in dich hinein spüren: wo ist deine eigene innerste Mitte? Wo ist dein Platz in diesem Leben? Warum ist es gut, hier zu sein? Wenn du beginnst,  deine Zeit, vor allem in Zeiten, wo diese knapp ist, einzuteilen, eine Liste machst, damit dein Gehirn nicht pausenlos nach Vergessenem fahnden muss und ganz bewusst Auszeiten einplanst, in denen du keine Störung zulässt, nicht ans Telefon oder an die Tür gehst und delegierst, wird es dir besser gehen mit Weihnachten. Wenn du diese Zeit zum Anlass nimmst, zu lernen, endlich ohne Schuldgefühle „Nein“ zu sagen, und fröhlich Tee trinkend alle drei gerade sein lässt, findest du wieder zu dir selbst. Wenn du lernst, die Anerkennung nicht von anderen zu wollen, sondern sie dir selbst zu geben, dann kann die Weihnachtszeit tatsächlich zu einer be-sinnlichen Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes werden. Dein inneres Kind bekommt wieder Freude an Lichterketten und Kugeln, und vielleicht findest du sogar Zeit, dich einmal damit zu beschäftigen, warum es diese Lichterketten und Kugeln

eigentlich gibt, was einmal ihr Sinn war. Also Zeit, um dich mit der Herkunft unserer Rituale und Traditionen zu beschäftigen, mit unseren Wurzeln und Zeit für dich selbst. Dann leuchtest auch du von innen.

Ich wünsche eine wunderschöne, friedliche Weihnachtszeit!
Ursula Yngra Wieland, PhönixX Lebenscoaching