18. September 2017

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Die indische Suppe – Aenkyyy gegen Vorurteile

Die indische Suppe – Aenkyyy gegen Vorurteile

Ich möchte mich kurz vorstellen: Mein Name ist Anke Fabritius und ich bin die Designerin des Labels „Aenkyyy“. Seit ich denken kann, ist dies mein Traumberuf, den ich nun seit einigen Jahren auch voll auskosten kann – natürlich mit seinen Höhen und Tiefen, aber das gehört dazu! Vor vier Jahren entschied ich mich, meine Taschenkollektionen in Indien zu produzieren, und möchte gerne mit allen Vorurteilen und jeglichem Schubladendenken aufräumen. Die Welt ist zu bunt und vielseitig für einseitiges Denken!

indiaSeit vier Jahren reise ich regelmäßig nach Indien und habe von Krankenhausaufenthalt, Verkehrsunfällen, bunten Hochzeiten bis prunkvollen Tempels so gut wie alles miterlebt. Ich sage immer: „Nur in Indien kann man das Verstörendste, Schlimmste und gleichzeitig Schönste, Herzerweichendste, Authentischste im ganzen Leben an nur einem Tag erleben!“ Dort habe ich erst richtig gelernt, was Leben, Freundschaft, Härte, Feiern, Zusammenhalt, Gemeinschaft, Humor, Sinne und Lärm bedeutet. Ich habe viel Zeit in Indien verbracht, habe in privaten Haushalten gewohnt und war Gast bei Arm und Reich. Ich habe außerdem viele Reisen in unterschiedliche Teile des Landes unternommen, oft nur mit einem Rucksack ausgestattet. Nur so lernt man ein Land richtig kennen!

Indien hat mit seinen zahlreichen Einwohnern, (ganze 1,3 Milliarden – laut Statistik leben über 33% unter der Armutsgrenze. Glaubt mir, es sind weitaus mehr!) und seinem schlechten, zumeist sehr einseitigem Ruf hart zu kämpfen. Stichworte wie Kinderarbeit, Vergewaltigungen, Zwangsheirat und Dreck sind nur einige Beispiele.
Wo bleiben aber die anderen Attribute? Wer schaut hinter die Fassade dieses großen, oft noch sehr traditionellen und bunten Landes? Wer war dort, um sich selbst eine Meinung zu bilden? Und vor allem: was können wir tun, um eine realistische Einschätzung zu geben? Wer denkt dran, dass es unheimlich hart ist für ein großes, traditionelles Land, welches krampfhaft versucht, die Moderne mit dem Althergebrachten zu kombinieren? … wo neben hunderten Menschen, die wie in der Sardinenbüchse ihre Notdurft frühmorgens an den Eisenbahngleisen verrichten und dabei Bollywood und die „neue“ Welt in ihren Zeitungen und auf ihren Smartphones vorgesetzt bekommen?! Das kombiniert sich schwierig…

Gestern war ich bei meinem Lieblings-Inder, als sich ein sehr konservativ deutsch aussehender Mann aufgebracht in unsere Richtung beschwerte.
Er warte nun seit 10 Minuten auf seine Suppe, seine Mittagspause neige sich dem Ende zu, die Suppe dampfe in seiner Reichweite vor sich hin und würde nun wohl auskühlen. Eine Unverschämtheit wäre das!
Ich schlug vor, es erst mal mit direkter Kommunikation zu versuchen – letztendlich könne man sich auch mit dem indischen Volk bestens verständigen. Den Hinweis, dass er einfach aufstehen und sich die Suppe hätte holen können, habe ich mir um des vermeintlichen Friedens willen gespart.

Eins konnte ich mir jedoch nicht verkneifen: „Genau das habe ich an Indien übrigens lieben gelernt: ich bin ruhiger und entspannter geworden. Es kommt nicht immer auf Hetze an. Ist ja auch ungesund für die Verdauung!“
Daraufhin ging eine Schimpftirade vom Feinsten los (wie gesagt: mitten im indischem Restaurant, in Reichweite der indischen Bedienung und ihrem Sohn, der gerade einen Schulfreund dabei hatte): dass der ganze Vorfall hier eine Unverschämtheit wäre, Inder ein furchtbares, nicht ernst zu nehmendes Volk und dazu noch gefährlich seien.
Ich hoffte, dass der Hunger und die damit sinkende Laune aus ihm sprachen …

Doch weit gefehlt. Nach der mittlerweile gereichten Suppe ging der Suppenterror direkt weiter.
„Inder sind ein völlig unfähiges Volk!“
„..die haben genug Geld, aber kümmern sich nicht um das eigene Volk – sollen die doch alle verrecken! Von mir sehen die keinen Cent!“
„Diese Leute sind die größten Rassisten, die es gibt –  widerlich!“
„Unfähig und dumm alle zusammen, eine Schande!“

Ehrlich gesagt, ich war geschockt. Ich fragte den Herren, ob er seine Aussagen durch fundierte Belege, wie zum Beispiel einen längeren Indienaufenthalt, belegen könne.

india neuDie Antwort war schockierend: „Nicht direkt. Kollegen arbeiten mit Indern zusammen, und die sagen, es wäre das Schlimmste, das man machen könne. Ich selbst war kurz im Urlaub dort und bereue die Zeit, das hat mir vollkommen gereicht!“ Ich schüttelte den Kopf und wurde langsam lauter: „Sie wagen sich, ein solches Urteil abzugeben, ohne ein Land wirklich kennen gelernt zu haben?!“ Ja, das würde ihm reichen, um zu seinen Schlüssen zu kommen.

Ich erklärte ihm ausdrücklich, dass ich unwahrscheinlich positive Entwicklungen in dem Land miterleben durfte. Innerhalb von drei Jahren sieht man kaum noch Kinderarbeit, die Regierung setzt sich hier sehr stark ein (was an ein Wunder grenzt wenn man Indien kennt!), es gibt  immer mehr faire Produktionen, die Umwelt wird immer mehr geschont, das Kastensystem wird schwächer, Frauen haben sehr gute Ausbildungsmöglichkeiten und der Familienzusammenhalt ist fester als seine Krawatte je sitzen wird! Und Rassisten sind dieses Volk ganz und gar nicht! Noch nie wurde ich von arm bis reich so freundlich aufgenommen, wurde in jeder erdenklichen Religionsausrichtung integriert und niemals ausgeschlossen.

Die einzigen Rassisten sind Menschen wie er selbst, die der Welt und Entwicklungen keine Chance geben, die Stillstand herbeiführen und die feinen Details übersehen. Ob er wirklich glaube, dass sich ein solches Land in einem Jahr „perfekt“ in seinem Sinne verändern würde?!

Ich war nicht mehr zu stoppen, mich enttäuschte dieser unwissende Frust dermaßen! Wie wäre es damit, sich mit einem Thema erst einmal direkt auseinanderzusetzen, bevor man sich in ein indisches Restaurant setzt und so unwissend derartige Themen anschneidet – von Respekt mal ganz abgesehen! Auch ich habe krasse Sachen erlebt, aber man muss doch den gesamten Kontext sehen!
Der Typ erwiderte: „Ich sehe das völlig anders: das sind unverschämte Verlierer!“
Ich sagte: „Aber Hauptsache, das Essen schmeckt, oder?!“
Er nickte mit dem Kopf, und wir verließen das Restaurant.

Mein Fazit

India3Ich kann hierzu nur sagen, dass ich mir den Produktionsort Indien für meine Taschen aus völlig anderen Beweggründen ausgesucht habe als 95% der Menschen denken mögen.
Dieses Land besitzt noch Traditionen, Handwerk und Menschlichkeit!

Ich möchte die Scheußlichkeiten, die dort teilweise passieren, nicht verharmlosen – aber wie sieht es in unserem eigenen Land aus? Sind wir ein unbeschriebenes Blatt? Geht es nicht viel mehr um Entwicklung, Chancen und darum, Dinge einfach mal selbst zu hinterfragen? Nicht alles „Made in India“ ist gut, aber ich bin mir sicher, dass auch nicht alles „Made in Germany“ eine weiße Weste hat!

Ich betone es nochmal: es gilt abzuwägen. Ich habe mich entschieden, dem Land eine Chance zu geben; es selbst gab mir viele Chancen, schenkte mir wunderbare Menschen und ermöglichte mir die Produktion meiner wundervollen Taschen – und ich habe viel gelernt. Besonders schön: die authentische Freude der Menschen dort an den kleinen Dingen!
Ich unterstütze definitiv keine Kinderarbeit – aber Menschen, die ihre Träume leben und Dinge positiv verändern wollen.

Gerade in Zeiten von PEGIDA und Terrorismus heißt es, zusammen hinter die Fassade zu blicken und individuell zu entscheiden und zu handeln. Denn letztendlich sind wir alle Menschen, die gleich gestartet haben!

http://www.aenkyyy.de/

2 COMMENTS

  • Susanne Butzer
    Susanne Butzer

    I LOVE YOU … was braucht es der Worte mehr.
    Wer mich kennt … weiß… dass ich „vor“ Dir keine Handtasche besessen habe. Jetzt habe ich eine AENKYYY … und Sie ist meine treueste Begleiterin. Wie hast Du mal so schön gesagt: “ eine Handtasche hat ein ganzes Leben inne … sie ist mehr als nur ein Accessoires. CHAPEAU …

    Danke für Deinen schönen Bericht…

    S.

  • Anke Fabritius
    Anke

    <3 Danke dir!!!!!

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