26. Mai 2016

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Dampf der Giganten: die „Provinzgangster“ von Dicht und Ergreifend im Interview

Dampf der Giganten: die „Provinzgangster“ von Dicht und Ergreifend im Interview

Mit ihrem Song „Zipfeschwinga“ waren „Dicht & Ergreifend“ im letzten Jahr in aller Munde. Nun folgt das Debütalbum „Kampf der Giganten“ (VÖ 22.05.2015), auf dem sich die bayerischen Rapper vielseitig präsentieren. Wir haben die Jungs zum Interview getroffen und über fiese Rapper-Klischees, den bairischen Dialekt und natürlich ihr Album gesprochen.

Es herrscht eine entspannte Atmosphäre bei SMUK-Promotion in München Schwabing, in deren Räumen ich mich mit den Jungs von „Dicht & Ergreifend“ treffe. Ein Kamerateam schwirrt herum. „Ok, wenn wir das Interview mitfilmen?! Wir machen da gerade eine kleine Doku über die Jungs“, werde ich vorgewarnt. Seit ihrem Hit „Zipfeschwinga“ sind die niederbayerischen Rapper schwer gefragt; am Freitag stehen außerdem die Veröffentlichung ihres Debütalbums „Kampf der Giganten“ sowie eine Release-Show im Münchner Club „Strom“ an.

Der Erfolg kam mit einem „youtube-Hit“. Der Rap-Song „Zipfeschwinga“ verbreitete sich samt des dazugehörigen Musikvideos innerhalb kürzester Zeit auf sämtlichen Social Media Plattformen.
Zurecht: die eingängigen Strophen, der pointierte Text in Kombination mit Mundart und einem äußerst professionellen Video konnten sich sehen lassen. Haben sie mit einem derartigen Erfolg gerechnet? „In dem Ausmaße nicht. Wir haben uns schon ausgemalt, dass es einigermaßen oft angeklickt und für gut befunden wird – aber dass es so ein Erfolg wird, damit haben wir natürlich nicht gerechnet“, sagt Lef Dutti.

Track und Video klingen nicht nach einem „Glückstreffer“. War das eine geplante, virale Aktion mit einer großen Marketing-Maschinerie im Rücken? „Nein, es wäre viel zu viel Aufwand gewesen, es so ausschauen zu lassen, als wäre es nicht geplant, obwohl es eigentlich komplett durchgeplant war. Nein, es war einfach nur ein Spaß“.
Aber es gibt auf youtube doch so viele talentierte Musiker, bei denen trotz guter Songs und irrsinnig vieler Klicks der Erfolg ausbleibt. Was haben „Dicht & Ergreifend“ denn in Bezug auf youtube richtig gemacht?
Kurze Pause, dann schallendes Gelächter. So recht weiß das wohl keiner. George übernimmt letztlich das Wort: „Das Schicksal hat uns zum Herrn Rauecker geführt (Anm. d. Red.: Agentur SMUK-Promotion). Nach „Zipfeschwinga“ sind wahnsinnig viele Leute an uns herangetreten, die wissen wollten, wer hinter dem Song und dem Video steckt. Viele wollten danach unbedingt etwas mit uns zusammen machen – aber die wollten alles viel zu schnell und sie wollten auch viel zu viel. Keiner hat uns wirklich zugehört. Wir waren etwas orientierungslos. Und dann ist der Fabian (Anm. d. Red.: Fabian Rauecker) gekommen; endlich hat einer zugehört! Seitdem hängen wir mit dem Fabian zusammen und basteln seit etwa einem dreiviertel Jahr an der ganzen Sache.“ „Auch das Crowdfunding hat irgendwie eine Art Kult erschaffen und mehr Fans generiert“, fügt Lef hinzu.

Denn ganz nach alter Rapper-Manier haben sich „Dicht & Ergreifend“ dazu entschieden, ihr Debütalbum rotzig, trotzig, rebellisch und ohne Vorgaben von Dritten mit Crowdfunding zu finanzieren. Und das, obwohl es einige Anfragen renommierter Labels gegeben hat. „Wir hätten schon irgendwo unterschreiben können – aber wir wollten das einfach nicht machen“, sagt George mit Nachdruck. Und reinreden lassen wollen sich die Rapper eben auch nicht.
„Aber es hätte ohne die Basis „Zipfeschwinga“ nicht funktioniert. Aus dem Nichts eine Crowdfunding-Aktion zu starten, ohne vorher schon etwas auf dem Markt zu haben, das hätte nicht geklappt“, wirft Lef ein.

Dicht & ErgreifendZugute kommt ihnen wohl auch der derzeitige Hype um den bayerischen Dialekt. Was vor ein paar Jahren noch uncool war, ist heute umso hipper. Bairische Musik erlebt einen ganz neuen Aufschwung. Davon kann man auch profitieren, oder?! „Da Bayern recht überschaubar ist, was die HipHop-Szene betrifft, kann man hier mit weniger Einsatz mehr erreichen als beim „klassischen“ Deutsch-Rap, bei dem man in der Masse eben auch leicht untergehen kann“.
„Die HipHop-Szene in Bayern ist noch nicht so übersättigt. Es ist schon so, dass du außerhalb Bayerns nicht verstanden wirst; da muss dann der Vibe stimmen. Beim „Zipfeschwinga“ hat der Vibe einfach gepasst – da muss man in anderen Ländern gar nicht unbedingt etwas vom Text verstehen … der Song geht halt einfach ab!“ mischt sich nun auch DJ Spliff ein.
Und Lef fügt hinzu: „Im Booklet haben wir die Songtexte deswegen aber auch auf Hochdeutsch abgetippt – und nicht auf Bairisch. Damit Andere diese komischen Sachen, die wir da immer sagen, auch mal verstehen“.

Ein völkerverständigendes Booklet ist also einer der Gründe, warum man sich das Album „Dampf der Giganten“ unbedingt zulegen sollte. Warum noch, Lef? „Du bekommst knappe 70 Minuten Kristalldampf! Und musikalisch ist es anspruchsvoll und abwechslungsreich; allgemein ist es sehr Beat-lastig. Inhaltlich geht es um ganz verschiedene Themen: wir haben einfach alles vermischt. Geschichten, Stories, Erlebtes; es gibt keinen roten Faden, aber es ist alles Mögliche drin.“
George fasst zusammen: „Da ist für jeden was dabei!“

Wenn es um den bairischen Dialekt und die heiligen Tuba-Solos geht, kann der Bayer aber auch schnell sehr engstirnig werden: das macht man aber nicht! Man mischt doch keine Blasmusik mit einem Rap!
„Diese Leute haben keine Ahnung; denen kann man nicht helfen!“ geht sofort ein belustigter Aufschrei durch die Musiker-Runde. „Das Geile am HipHop ist ja, dass Du machen kannst, was Du magst. Du kannst alles Mögliche nehmen und es wieder zu etwas anderem verwurschteln. Beim HipHop bedient man sich sehr viel bei anderen Musikrichtungen.“

Freigeister und Rebellen sind sie also, die Rapper. Nur musikalisch, oder auch privat? George witzelt: „Wir fahren mit der U-Bahn und kaufen uns kein Ticket! Kleine Provinz-Gangster sind wir schon“. Nach kurzer Überlegung fügt er augenzwinkernd hinzu: „Ich habe sogar mal im Ritz Carlton ins Waschbecken gebieselt – einfach nur, damit ich sowas mal gemacht habe! Oder einmal habe ich in Israel einen Beitrag gedreht: da habe ich mich auf den Sitzplatz gesetzt, auf dem drei Stunden später der Schimon Peres Platz genommen hat … und habe einen Schoaß lassen! Wir rebellieren halt leise … schleichend.“ „Im wahrsten Sinne des Wortes!“ setzt Lef noch eins oben drauf. Alle lachen – bis Lef wieder einlenkt: „Es gibt ja verschiedene Arten der Rebellion – sinnlose Rebellion ist nichts für uns. Wir sind aber auf jeden Fall keine konservativen Bayern…“
Deshalb kritisieren sie mit ihren Texten auch, sprechen wichtige Themen glasklar an und nehmen kein Blatt vor den Mund. „Was mich in Bayern nervt, ist der Fakt, dass man immer noch – Vollgas – gegen Preußen schimpft. Wenn einer Hochdeutsch redet, dann ist er sofort „a Preiß“, und es dauert richtig lange, bis er überhaupt involviert ist. Man kann sich gerne darüber lustig machen – aber so etwas ernsthaft durchzuziehen, finde ich echt krass. Das ist im Grunde genommen Fremdenhass“, antwortet Lef auf meine Frage, was ihn denn besonders nervt.
DJ Spliff nickt: „Bei uns in Dingolfing, da sind Movements am Start, das ist unfassbar … Hass auf Flüchtlinge zum Beispiel. In Dingolfing haben sie Flüchtlinge aufgenommen, und das finde ich richtig cool. Aber da gibt es krasse Gegenbewegungen – vorsintflutlich einfach!“
„Die Flüchtlinge werden teilweise behandelt wie Tiere… Und die Leute sehen einfach nicht, dass die ja nicht zum Spaß hier sind“, bekräftigt George.

Kreative Köpfe mit vielen Ideen, Idealismus und starkem Gerechtigkeitssinn – das wirkt doch bestimmt auch anziehend auf die Damenwelt. Stimmt es denn, dass die „bösen Jungs“ – wenn wir Rapper mal mit diesem Klischee belegen dürfen – immer die besten Frauen bekommen?! „Ich denke die Frauen fühlen sich schon zu denen hingezogen, die immer Gas geben – so kommt mir das zumindest vor“, grübelt George. „Aber wir sind ja eigentlich ganz lieb“, fügt Lef an. „Wir sind ja noch nicht mal nach außen hin böse.“

Hach.

Dicht & Ergreifend

Dicht & Ergreifend
„Dampf der Giganten“ – erhältlich ab 22.05.15

Mehr Infos zu „Dicht & Ergreifend“:
Webseite: Dicht & Ergreifend Webseite
facebook: Dicht & Ergreifend facebook-page

Und hier findet Ihr die Tourdaten: Dicht & Ergreifend Tourdaten

Fotos Copyright: Zarbock

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